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Anmerkungen zur Formensprache von "Moderne" in Japan: Taishō-Romantizismus und "Gegen-Moderne" im frühen 20. Jahrhundert

Sabine Schenk, M.A. (Heidelberg/München)

11.07.2013

Romantisierende Frauendarstellungen, dekorative Buchkunst, Druckgraphik und Gestaltung von Ephemera, sowie lyrische Empfindsamkeit (jojō) spielen in der visuellen Kultur Japans im frühen 20. Jahrhunderteine besonders auffallende Rolle. Diese oft mit Taishō roman [Romantizismus der Taishō-Zeit] zusammengefasste Tendenz, die sich sowohl an Reminiszenzen von inhärenten Kunsttraditionen, als auch an der Formensprache des Jugendstils bedient, tritt in Japan parallel zu Ansätzen auf, die einen Bruch mit künstlerischer Tradition fordern und nach radikal neuen Ausdrucksformen suchen. Wie können diese Konzepte unter dem Blickwinkel von Moderne verstanden werden?

I. Moderne und Modernismus: Ein euro-amerikanischer Import?

"Moderne" und "Modernismus" sind Konzepte, die bis heute, trotz reflektierterer Ansätze von "Transkulturellen Studien" und "Global Art History", meist aus einer euro/amerikano-zentristischen Perspektive heraus gedacht werden. Beschäftigt man sich mit "Modernen" und "Modernismen" in Japan, können gesellschaftliche und politische Entwicklungen parallel zu anderen zeitgenössischen urbanen Zentrenfestgestellt werden, denn der Nährboden für solche Strömungen ist weniger ein bestimmter Nationalstaat als die aufstrebende Stadtkultur. Ein eigener kreativer Funken zum modernistischen Ausdruck wird den japanischen Kunstschaffenden aber kaum zugestanden.

Auch wenn Roy Starrs eindrucksvoll anhand von Formensprache undurbaner Entwicklung argumentiert, um einen Beginn von "Moderne" bereits im 17.Jahrhundert anzusetzen, und zwar nicht in den Zentren Europas, sondern in Japan (Starrs 2012), und Alica Volk mit ihrer Arbeit zu Yorozu Tesugurō einen universalistischen Ansatz eines Moderneverständnisses im Hinblick auf Japan vertritt (Volk 2010), sind dennoch kaum Arbeiten japanischer Künstler gleichwertig als Beispiele moderner Kunst in Museen vertreten.Als Anhänger von "Moderne" oder gar "Modernismus" wird dem japanischen Künstler bestenfalls leidliche Imitation zugestanden. Im Herausbilden von "Moderne" von frühen modernistischen Ansätzen im 19. Jahrhundert hin zu abstrakteren Ausdrucksformen wird die enorm wichtige Inspiration japanischer Darstellungsmodi für moderne Formensprache immer weniger zugestanden (Berger 1980). Wenn man die Formensprache von "Moderne" in Europa betrachtet, kann man jedoch, wie Starrs es etwas polemisch ausdrückt, andererseits geradezu von "Japanisierung" sprechen.

II. Repatriierung von Form und Farbe im japanischen Jugendstil

Vor dem Hintergrund von Japonismus und Elementen wie expressive Farbigkeit oder Betonung der Umrisslinie kann der Einfluss japanischer Elemente auf die Formensprache von "Moderne" und "Modernismus" der euro-amerikanischen Kunsttradition also als prägend eingeschätzt werden. Unter anderem im Jugendstil finden sich Formen japanischen Ursprungs, die in Ablehnung von industrialisierter, historisierender Massenware als Ausdrucksmodus, eines Entwurfes von "Gesamtkunstwerken" im täglichen Leben und Grafik und Buchkunst (Döring und Klein-Wiele 2011), interpretiert und umgeformt wurden. Es ist bemerkenswert zu verfolgen, dass gerade diese Formen im Japan desfrühen 20. Jahrhunderts wiederum eifrig rezipiert wurden und ein wichtiges Element in der Romantik der Taishō-Zeit bilden. Neben Fujishima Takeji (1867–1943) und Hashiguchi Goyō (1880 – 1921) gilt Takehisa Yumeji (1884 –1934) als wichtigster Vertreter des japanischen Jugendstils, wobei er zum Beispiel Inspiration in Illustrationen der Zeitschrift Jugend fand (Takahashi 2010). Neben der Gestaltungvon Alltagsgegenständen und Buchkunst, zum Teil mit ornamentalerEinbandgestaltung, geht die Rezeptionsidee von Jugendstil auch bis hin zur Ausgestaltung von Gesamtentwürfen.Unter formensprachlichen Aspekten stellt sich hier die Frage, inwieweit die Rückkopplungswirkung der Rezeption von japanischen Ausdrucksformen und Re- Rezeption im japanischen Jugendstil als historisierendes Element in der japanischen Kunst gesehen werden kann.

III. Neuinszenierung von Tradition als modernistischer Ansatz

Neben diesem Rückbezug über den Umweg angeeigneter japanischer Elemente des Jugendstils zeigen Ansätze innerhalb der romantisierenden Tendenzen von Taishō roman auch eine Wiederbelebung inhärenter Kunsttraditionen.So nennt Yumeji sein Geschäft in Reminiszenz an edo-zeitliche Bilderbücher Ezōshiten. Auch die Wiederentdeckung von Genres wie bijinga [Darstellung schöner Frauen] in der Graphik lassen hier auf eine Form des Historismus schließen.Während Yumeji zum Beispiel sich erst in seinem Spätwerk der Literatenmalerei in chinesischer Tradition (nanga) widmet, avanciert diese Ausdrucksform jedoch bei anderen Künstlern zu einem Gegenentwurf zum Modernismus "westlicher" Prägung. Können diese Phänomene mit einem anti-modernistischen Modernismus (Griffin 2007) im Zusammenhang gesehen werden, wie er auch in den prä-faschistischen Gesellschaften Mitteleuropas zu beobachten ist? Während sich der vorhergehende Vortrag in diesem Kolloquium mit dem Begriffsfeld von Moderne auseinandergesetzt, sowie die wichtigsten Forschungsfragen des Projekts umrissen hat und anschließend anhand von Beispielen auf die Jugendstilrezeption Yumejis eingegangen ist, wird sich diese Präsentation vor allem mit den oben aufgeworfenen Problemen des Phänomens "Moderne" insbesondere im Hinblick auf Ausdrucksformen einer romantischen Empfindsamkeit im Japan der Taishō-Zeit beschäftigen.

Auswahlbibliographie

  • Berger, Klaus (1980): Japonismus in der westlichen Malerei. München: Prestel (Studien zur Kunst des 19. Jahrhunderts, 41).
  • Döring, Jürgen; Klein-Wiele, Holger (2011): Grafikdesign des Jugenstil. Der Aufbruch des Bildes in den Alltag. Ostfildern; Hamburg: Hatje Cantz ; MK&G, Museum für Kunst und Gewerbe.
  • Griffin, Roger (2007): Modernism and Fascism: The Sense of a Beginning under Mussolini and Hitler. Basingstoke: Palgrave Macmillan.
  • Hosono, Masanobu (1987): Takehisa Yumeji to jojō gakatachi [Takehisa Yumeji und die Lyrismus-Maler]. Tokyo: Kōdansha.
  • Kuwahara, Noriko (2012): Onchi Kōshirō kenkyū. Hanga no modanizumu [Forschung zu Onchi Kōshirō. Modernismus des Holzschnitts]. Tokyo: Serikashobō.
  • Starrs, Roy (2012): "Japanese Modernism Reconsidered". In: Rethinking Japanese modernism. Leiden; Boston: Global Oriental S. 3–36.
  • Takahashi Ritsuko (2010): Takehisa Yumeji — Shakai genshō toshite no "Yumejishiki" [Takehisa Yumeji — Der „Yumeji-Stil“ als gesellschaftliches Phänomen].Tokyo: Brücke.
  • Volk, Alicia (2010): In Pursuit of Universalism: Yorozu Tetsugoro and Japanese Modern Art. Berkeley, Calif. [u.a.]: University of California Press