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Kami, Kaiser, Vaterland

Der japanische Ultranationalismus als politische Religion

10.04.2014

David Ziegler, M.A., cand. phil. (Japan-Zentrum, LMU)


Zentrales Ziel der Forschungsarbeit ist die Entwicklung eines kohärenten theoretischen Modells zur Analyse der religiös-ideologischen Komponente des japanischen Ultranationalismus, welches darauf angelegt ist, neue Wege in der bis jetzt wenig betriebenen vergleichenden Erforschung der Achsenmächte wie auch in der Erforschung weltanschaulich rigider autoritärer Systeme insgesamt zu eröffnen. Ausgangspunkt hierzu ist die Annahme, dass die Entwicklung Japans vom zumindest partiell demokratischen Gemeinwesen der Taishô-Zeit hin zu einem militaristisch-autoritärem Staat mit aggressivem Expansionsstreben nicht ausschließlich mit strukturellen Faktoren erklärt werden kann, sondern auch Folge einer nachweisbaren ideologischen Radikalisierung war. Den verdienstvollen Arbeiten, die sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Prozess der schrittweisen Modifikation des meijizeitlichen Staatshinto beschäftigt haben, ist bedauerlicherweise die weitgehende Abwesenheit eines komparativen Anspruchs gemein, der einen systematischen Vergleich des imperialen Japan mit anderen zeitgenössischen Diktaturen ermöglichen würde. Dies liegt nicht zuletzt darin begründet, dass die in diesem Feld herrschenden Paradigmen der Faschismus- bzw. Totalitarismusstudien stark auf in Japan kaum vorhandene funktionale Charakteristika totalitärer Staaten, wie etwa die Gleichschaltung staatlicher Einrichtungen durch eine revolutionäre Massenbewegung, oder das Auftreten einer machtvollen, kultisch verehrten Führerfigur, zurückgreifen.

Daher soll hier stattdessen der Gedanke einer „politischen Religion“ aufgegriffen werden, welcher darauf abzielt, der Wirkmächtigkeit inhaltlicher Elemente totalitärer Herrschaft Rechnung zu tragen. Diese Idee hebt auf die in derartigen Regimen feststellbare Sakralisierung politischen Handelns ab, welche durch innerweltliche Umdeutung religiöser Dogmen und Rituale eine rationaler Kritik enthobene Legitimation der weltanschaulichen Grundlagen des staatlichen Kollektivs zu schaffen trachtet. Während Nationalsozialismus, Faschismus, und Marxismus-Leninismus unter diesem Gesichtspunkt bereits vielfach eingehend untersucht worden sind, wurde Japan von der immer noch stark an diesen „christlich-abendländisch“ verwurzelten fundierten Weltanschauungen orientierten Religionspolitologie bislang vernachlässigt. Angesichts dieses offenkundigen Desideratums soll hier der Nachweis geführt werden, dass all jene Stränge des japanischen Ultranationalismus, die jenseits der meijizeitlichen Tennômonarchie einen totalitären Massenstaat anstrebten, durchaus als politische Religion zu verstehen sind. Anhand einer intensiven Betrachtung zeitgenössischer Quellen soll demonstriert werden, dass diese sich vom offiziellen Staatshintô in zentralen Punkten unterschied, und eine entscheidende Rolle in den politischen Entscheidungsprozessen am Vorabend des pazifischen Krieges spielte. Damit ist nicht zuletzt auch die Absicht verbunden, die Theorie der politischen Religion von ihren eurozentristischen Tendenzen zu lösen und zur umfassenden Untersuchung vergangener und gegenwärtiger radikaler Ideologien auf der ganzen Welt fruchtbar zu machen.