Japan Zentrum
print

Links und Funktionen

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Dissertationsprojekt Sebastian Balmes (Exposee)

Die Ursprungserzählungen des Shintōshū: Eine Analyse von Fiktionalität in der Literatur des japanischen Mittelalters

Betreuung: Prof. Dr. Klaus Vollmer

In der geplanten Dissertation soll versucht werden, den Begriff der Fiktionalität für die Literatur des japanischen Mittelalters näher zu bestimmen. Als Untersuchungsgegenstand dienen die Ursprungslegenden zur Entstehung von Schreinen und Gottheiten des Shintōshū ("Sammlung göttlichen Wirkens", 1354-58) sowie Erzählungen der späten Muromachi- und frühen Edo-Zeit, welche die Legenden des Shintōshū aufgreifen. Die für die Argumentation wichtigsten Erzählungen sollen in Übersetzung vorgelegt werden.

Obgleich der Titel nahelegt, dass sich die Legendensammlung hauptsächlich mit japanischen Gottheiten befasst, kann der buddhistische Charakter des Werkes nicht genug betont werden. Eine religionshistorische Betrachtung soll als Grundlage der weitergehenden Beschäftigung mit dem Shintōshū dienen. Die Erschließung des geistesgeschichtlichen Hintergrundes ist unerlässlich für die spätere Analyse von Fiktionalität, in der eine Unterscheidung zwischen Lebenswirklichkeit und Imaginärem notwendig ist. Es soll nachgezeichnet werden, wie die einzelnen Erzählungen in religiöse Diskurse eingebettet sind, und wie sich die Realität regionaler Religiosität zu zentralen Theorien verhält. Als mit einem Wahrheitsanspruch versehene Ursprungserzählungen dienen die Legenden auch der Konstituierung von Kulten, an dessen Ausführung weltliche Akteure beteiligt sind, sowie der Deifizierung einzelner Persönlichkeiten.

Neben der Analyse ideengeschichtlicher und politischer Aspekte soll die geplante Arbeit vor allem literaturwissenschaftliche Methoden anwenden. Das Shintōshū ist wesentlich von Modi mittelalterlichen Erzählens geprägt, insbesondere was die Rolle des Wiedererzählens betrifft. Die Textsammlung verfügt über einen Fundus an Motiven, die in den einzelnen Legenden immer wieder variierend und in anderer Konstellation abgearbeitet werden. Dies bedingt, dass die einzelnen Texte nicht als voneinander unabhängige Erzählstücke, sondern als in größeren Kontexten miteinander verbunden erscheinen.

Auf der (mindestens) zweiten Erzählebene der späteren, sich auch in ihrem Inhalt unterscheidenden Varianten soll der Versuch gemacht werden, Aussagen über die Fiktionalität in der japanischen Literatur des Mittealters bzw. der frühen Neuzeit zu treffen. Iser stellt in seinem Hauptwerk Das Fiktive und das Imaginäre ein triadisches Modell vor, in dem das Reale und das Imaginäre nicht in Opposition, sondern in Relation zueinander stehen, die durch die "Übergangsgestalt" des Fiktiven ermöglicht wird. Es besteht daher neben der historischen Erschließung des Shintōshū als dem Bereich des Realen zuzurechnende Textumwelt auch die Notwendigkeit, nach dem Imaginären in der japanischen Kultur zu fragen. Weiterhin unterscheidet Iser zwischen drei Akten des Fingierens: Selektion, Kombination und Selbstanzeige. Wohingegen die Bedeutung des letzteren für die mittelalterliche Literatur relativiert werden muss, stellen die sich nicht nur intratextuell, sondern auch in späteren Nacherzählungen in Variationen wiederholenden Motive bzw. Textelemente der Legenden des Shintōshū günstige Voraussetzungen für eine Untersuchung dieses Modells dar.

Die geplante Dissertation soll prüfen, ob Fiktionalität eine anthropologische Konstante im Sinne Isers ist und sich somit Ansätze zur Beschreibung der Fiktionalität, die in der europäischen Literaturwissenschaft entwickelt wurden, auch auf Japan anwenden lassen, oder ob Modifizierungen vorgenommen werden müssen. Erste Ansätze dazu existieren in der deutschsprachigen Japanologie bereits. Die geplante Arbeit soll jedoch stärker Forschungsergebnisse der Mediävistik berücksichtigen, die sich um einen kritischen Umgang mit modernen Theorien in der Anwendung auf das Mittelalter bemüht.