Japan Zentrum
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Dissertationsprojekt Franziska Kasch (Exposee)

Der Einfluss des Übergewichtsdiskurses auf den Alltag und das Denken im gegenwärtigen Japan. Ein klinisch-philosophischer Ansatz

(Betreuung: Prof. Dr. Klaus Vollmer)

In Japan wird gegenwärtig ein Diskurs geführt, nach dem Übergewicht als Ursache vieler Krankheiten über kurz oder lang zum Tode führt. Dieser Diskurs entspringt der Gesundheitspolitik der japanischen Regierung, die seit den 1970er Jahren mehr Gesundheit für die Bevölkerung fordert und die „Bürgerbewegung zur Gesundheitsherstellung“ initiierte. Gesundheitsherstellung richtet sich dabei an gesunde Japaner, die von der Regierung zu „Halbgesunden“ erklärt wurden, da jeder bereits aufgrund seines Lebensstils bestimmte Risikofaktoren trage, die die Entwicklung von Krankheiten begünstigen. Die Konzentration auf Risikofaktoren, wie zum Beispiel erhöhte Blutwerte, anstelle von Krankheiten entspricht der weltweiten Entwicklung von Gesundheitspolitik. Einzigartig ist jedoch, dass Japan noch einen Schritt weiter geht und seit 2008 gezielt gegen Übergewicht als den gemeinsamen Risikofaktor für alle anderen Risikofaktoren vorgeht. Laut der japanischen Regierung ist dieser Schritt aufgrund der medizinischen Forschung über das sogenannte „metabolische Syndrom“, das verschiedene Risikofaktoren beinhaltet und mit Übergewicht in Zusammenhang stehen könnte, gerechtfertigt. Darüber, ob und wie Übergewicht mit dem metabolischen Syndrom zusammenhängt, sind sich Mediziner weltweit uneinig, doch in Japan wird dieses Syndrom mittlerweile mit Übergewicht gleichgesetzt, so dass metabo heute ein Synonym für Übergewicht geworden ist.

Seit 2008 müssen alle Japaner zwischen 40 und 74 Jahren einmal jährlich zu einer Bestimmungsuntersuchung, die dazu dient, Träger des metabolischen Syndroms zu identifizieren. Aufgrund der strengen Richtlinien der Untersuchung wird fast jeder zum "Metabo" bestimmt und muss sich gesundheitlich unterweisen lassen. Ziel dieser Gesundheitsunterweisung ist eine Gewichtsreduktion, um Krankheiten und letztendlich einem vorzeitigen Tod vorzubeugen, wozu die Betroffenen ihren Lebensstil umstellen müssen. Die Regierung verspricht dadurch ein altersloses Leben, doch Kritiker sehen darin ein „Klonen der Lebensstile“ und bemängeln, dass das, was Gesundheit eigentlich ausmacht, völlig aus dem Blickfeld gerät.

Wie empfindet aber die japanische Bevölkerung den Übergewichtsdiskurs und die Regierungsmaßnahmen, durch die sie gezwungen ist, sich mit ihrem Lebensstil und ihrem Körper auseinander zu setzen? Dies heraus zu finden, ist das Ziel meiner Dissertation. Dazu verfolge ich den Ansatz der klinischen Philosophie, die medizinische Fragestellungen aus Sicht der Patienten betrachtet und dabei den Alltag und das Denken der Betroffenen berücksichtigt.

Stand: 04/2010