Japan Zentrum
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Dissertationsprojekt Lang (Exposee)

Die ideologischen Grundlagen der japanischen Südostasienpolitik – Kontinuität und Wandel

(Betreuung: Prof. Dr. Klaus Vollmer)

Gegenstand des Vorhabens ist die Untersuchung der außenpolitischen Ideen, Normen und Rollenbilder, die für die Interessens- und Strategieformulierung der japanischen Regionalpolitik vis-à-vis Südostasien wesentlich sind. Von besonderem Erkenntnisinteresse ist die Frage, ob und inwiefern bei der ideologischen Begründung der gegenwärtigen Südostasienpolitik Japans Kontinuitäten zur Politik der Vor- und Kriegszeit (ca. 1930-1945) erkennbar sind und welche Konsequenzen sich daraus für die japanische Regionalpolitik ableiten lassen.

Ausgangshypothesen

Die Arbeitsthese lautet, dass trotz des Wandels in Form und Stil der japanischen Südostasienpolitik nach der Kriegsniederlage 1945 in den Ideen, Normen und Rollenbildern, die der Strategieformulierung zugrunde liegen, Kontinuitäten zur (Vor-)Kriegszeit erkennbar sind. Diese Kontinuitäten äußern sich auf der empirischen Ebene in den fortgesetzten Versuchen Japans, in Südostasien eine politisch und wirtschaftlich integrierte regionale Sphäre zu schaffen. Sie äußern sich auf der konzeptuellen Ebene im Rückgriff auf überkommene Denkmuster im außenpolitischen Diskurs, mit denen die regionale Rolle Japans begründet wird. Weiter wird davon ausgegangen, dass die im letzten Jahrzehnt erfolgte innenpolitische Machtverlagerung zugunsten konservativ-revisionistischer Kräfte den Rückgriff auf spezifische Vorkriegs-Denkmuster begünstigt hat; welche Folgen diese ideologischen Kontinuitäten für die Formulierung der japanischen Südostasienpolitik haben, wird zu zeigen sein.

Forschungsstand

Die ideologischen Grundlagen der japanischen Südostasienpolitik sind bislang noch wenig erforscht, die vorhandenen Primärdokumente in dieser Hinsicht noch unzureichend ausgewertet. Für die Durchführung der Studie ist daher ein eklektisches Vorgehen bei der Materialbeschaffung an Sekundärquellen nötig. Als theoretischer Rahmen ist die konstruktivistische Schule der Internationalen Beziehungen geeignet, um Ideen und Normen als unabhängige Variablen und damit als die Ausgangspunkte für die Konstruktion des Selbstbildes und der Rollenzuschreibung eines Staates in der internationalen Politik zu analysieren. Für die Untersuchung der für den außenpolitischen Diskurs Japans wichtigen ideologischen Bausteine ergeben sich Anknüpfungspunkte an bestehende Arbeiten zunächst auf dem Feld der Regionalstudien zur japanischen Südostasienpolitik, die das empirische Fundament der Studie bilden. Neuere Studien zum strategischen Denken Japans (z.B. Rozman, Gilbert (Hrsg.) (2007): Japanese Strategic Thinking toward Asia, New York: Palgrave Macmillan) sind für den südostasiatischen Raum noch unterrepräsentiert, können aber erste Einblicke in das außenpolitische Denken Japans in seiner Gesamtheit geben. Ebenfalls aufschlussreich für den diskursanalytischen Teil der Studie sind neuere Arbeiten zur Diplomatiegeschichte (z.B. Samuels, Richard J. (2008): Securing Japan. Tokyo’s Grand Strategy and the Future of East Asia, Ithaca: Cornell University Press), welche die innenpolitischen Machtverschiebungen und damit einen Wandel in der Diskurshoheit unter den verschiedenen Strömungen innerhalb des konservativen Lagers beschreiben. Schließlich werden Arbeiten über die japanische Ideengeschichte herangezogen, um die im politischen Diskurs Japans wirkungsmächtigen normativen Grundlagen, beispielsweise die des Pan-Asianismus, zu erschließen.

Methode und Aufbau

Theoretisch basiert die Arbeit auf der Annahme, dass Ideen die für die Strategie- und Interessenskonzipierung entscheidenden Einflussvariablen darstellen. Methodologisch erscheint die Diskursanalyse als geeignetes Mittel, um die hinter den außenpolitischen policies stehende Ideologie (also die Ideen, Normen und Rollenbilder) zu erkennen. In einem ersten Arbeitsschritt sollen daher für die Untersuchung des japanischen Falls diejenigen Ideen, Normen und Rollenbilder herausgearbeitet werden, welche die japanische Südostasienpolitik vor 1945 bestimmt haben. Die ideologischen Grundbausteine dieser Zeit, also etwa pan-asianistische Denkmuster, developmentalistische Normen, die Japan die Rolle als regionaler Integrator und ökonomischer Modernisator zuschrieben, oder der japanische Führungsanspruch in der Region, sollen in ihrer Relevanz für die Strategieformulierung der japanischen Südostasienpolitik herausgestellt werden. In einem zweiten Schritt wird gefragt, welche dieser Begründungen noch für die gegenwärtige Regionalpolitik Japans anschlussfähig sind.

Für die Nachkriegszeit sollen dann, untergliedert in einzelne Zeitabschnitte, die bestimmenden Ideen für die gegenwärtige japanische Südostasienpolitik herausgearbeitet und damit mögliche Kontinuitäten aufgezeigt werden. Besonderes Augenmerk soll dem Wandel in der Wahl der ideologischen Werkzeuge zukommen: In den verschiedenen Abschnitten der Nachkriegsgeschichte wurden – abhängig von innen-, aber auch außenpolitischen Machtfaktoren – von den japanischen Eliten bestimmte Ideen zur Begründung der Regionalstrategie herangezogen, während gleichzeitig andere Konzepte und Normen in den Hintergrund traten.

So soll untersucht werden, mit welchen ideologischen Begründungsmustern die in den 1970er Jahren beginnende Hinwendung Japans zur Region propagiert wurde, welche Normen und Rollenbilder die Wahl der Instrumente in der japanischen Südostasienpolitik prägen und welche Kontinuitäten zu den Denkmustern der Vorkriegszeit festgestellt werden können. Gefragt werden soll also zum einen, wie sich die ideologische Begründung der japanischen Südostasienpolitik im Zeitablauf wandelte, aber auch zum zweiten, welche Ursachen für diesen Wandel verantwortlich waren.

Methodisch soll die japanische Südostasienpolitik in einzelne historische Zeitabschnitte untergliedert und auf drei analytischen Ebenen danach untersucht werden, welche Ideen, Normen und Rollenbilder hinter der Regionalstrategie stranden. Auf der ersten, der diskursiven Ebene, sollen die wesentlichen außenpolitischen Dokumente der Regierung, aber auch den außenpolitischen Strategieempfehlungen wichtiger think tanks und Intellektuellen analysiert werden.

Zweitens soll auf der personellen Ebene nach möglichen Kontinuitäten in der Karriere außenpolitischer Entscheidungsträger gefragt werden. Betrachtet werden die Verflechtungen der Regierungsmitglieder und wichtiger außenpolitischer Eliten mit entscheidenden Institutionen und Denkrichtungen; es soll dabei weniger um die Personen an sich als um ihre Eigenschaft als Vertreter einer bestimmten außenpolitischen Schule, Denkrichtung oder „Faktion“ gehen und ihren Einfluss auf die regionalpolitische Strategiefindung. Gefragt soll vor allem danach werden, welche Gruppe in der entsprechenden Zeitperiode die diskursive Meinungsführerschaft innehatte und welche Konsequenzen dies für die Außenpolitikformulierung zeitigte. Drittens soll auf der empirischen Ebene anhand einer Betrachtung der für die einzelnen Perioden wichtigen regionalpolitischen Entscheidungen Japans versucht werden, die hinter diesen policies stehenden Normen und Ideen herauszuarbeiten. Gefragt soll also danach werden, welche Normen und Ideen sich aus den empirischen policies induktiv ableiten lassen, und ob die in der diskursiven Analyse herausgearbeiteten ideologischen Grundlagen des strategischen Denkens auch in der tatsächlichen Regionalpolitik realisiert werden konnten.

Im abschließenden Teil sollen dann die gewonnenen Ergebnisse über die ideologischen und normativen Grundlagen der japanischen Südostasienpolitik während der gesamten Nachkriegszeit mit denen der Periode vor 1945 verglichen werden. Damit soll auch die Frage beantwortet werden, welche Begründungsmuster aus der Zeit des japanischen Ultra- Nationalismus auch in der Nachkriegszeit bei der Formulierung der Regionalstrategie Anwendung fanden.

Bedeutung der Arbeit

Als Regionalstudie über die japanische Südostasienpolitik, die innerhalb des konstruktivistischen Paradigmas angesiedelt ist, soll die Untersuchung diese Theorierichtung der Internationalen Beziehungen als Fallbeispiel für die These, dass Ideen für die Erklärung der Außenpolitik wichtig sind, ergänzen. Gleichzeitig sollen die herausgearbeiteten ideologischen Grundlagen der japanischen Regionalstrategie als unabhängige Variable für die Erklärung der Regionalpolitik einen in der politikwissenschaftlichen Forschung über Japan bislang zu wenig beachteten Zugang zur Erklärung der ideellen Voraussetzungen der japanischen Strategiefindung liefern und damit ein besseres Verständnis der japanischen Regionalpolitik ermöglichen.

Als japanologische Arbeit, die sich nicht zuletzt mit dem innerjapanischen Diskurs über das regionale Selbstbild und die Strategieformulierung vis-à-vis Südostasien beschäftigt, soll diese Studie aber auch einen Beitrag zur Ideengeschichte des Politischen Denkens in Japan leisten, konkret: anhand eines relativ abgegrenzten Untersuchungsfeldes die Frage beantworten, wie es mit dem Verhältnis von Wandel und Kontinuität im politischen Denken Japans bestellt ist.