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Kolloquium/Vortragsreihe zu aktuellen Themen im Wintersemester 2020/21

Der Minamata-Skandal - Von der Systemfrage hin zu der Frage nach dem Umgang mit der individuellen Verantwortung

03.12.2020 18:15 Uhr – 19:45 Uhr

Um sich das Entsorgungsproblem scheinbar im Sinne eines Nutzenmaximierers zu ersparen, leitete Chisso Corporation, der wichtigste lokale Arbeitgeber der Stadt Minamata, unter Kenntnisnahme des Staates bis 1969 mit Quecksilber verseuchtes Abwasser ins Meer, wodurch dieses hochgiftige Metall bei der lokalen Bevölkerung schwerste gesundheitliche Schäden verursachte. Gerade weil die danach benannte Minamata-Krankheit i.V. mit der zunächst äußerst feindseligen Reaktion von Chisso Corporation keine exklusiv japanische Erfahrung darstellt, könnte hier scheinbar die Kapitalismuskritik von Autoren wie Swyngedouw zum Tragen kommen, nach deren Meinung eine Wiederholung derartiger Umweltskandale nur durch die Überwindung des kapitalistischen Systems zu lösen sind. Die individuelle Schuldfrage von Autoren wie Mayer-Tasch, der in der Umweltfrage stattdessen oftmals ein grundlegendes Problem in der Psyche der handelnden Personen sieht, wäre demnach nur als eine Ablenkung von der Systemkrise anzusehen. Erste Zweifel an Systemthese ergeben sich, weil in der Produktion bei einer genaueren Betrachtung derselbigen billigere Alternativen ohne Quecksilber existieren, die seither in Japan ausschließlich zum Einsatz kommen. Eine Nutzenmaximierung von Seiten Chisso fand eben genau nicht statt. Darüber hinaus stellt Minamata im Gesamtkontext die Frage, warum konsumieren wir? Nach Maslow konsumieren wir zunächst, weil wir konsumieren müssen, d.h. wir produzieren, weil wir unabhängig von der Systemfrage produzieren müssen. Ein genauerer Blick zeigt, dass Chisso eben diese Existenzbedürfnisse befriedige, nicht umsonst stieg die japanische Bevölkerungszahl mit der Ausweitung der Produktion in Minamata bis in die 1970er Jahre hinein stark an. Chisso befriedigte somit keine von Unternehmen künstlich geschaffene Nachfrage, wodurch die Kapitalismuskritik ins Leere läuft. Aufbauend auf Mayer-Tasch ist Minamata somit als ein zentrales Beispiel für katastrophal schlechtes Management anzusehen, ausgelöst durch destruktive Personen, die für Führungsaufgaben charakterlich vollkommen untauglich waren, die aber bei einer theoretischen Überwindung des Kapitalismus ihr destruktives Verhalten fortsetzen können. Eine Systemumstellung löst somit nicht das grundlegende Problem, wodurch Minamata eben nicht das Ergebnis einer Systemkrise darstellt. Die linke Kapitalismuskritik ist demnach in Wirklichkeit nur eine oberflächliche Ablenkung von der alles entscheidenden individuellen Schuldfrage. Die Diskussion sollte daher anstatt der Systemfrage politisch neutral zum Ziel haben, zu klären, wie es sich verhindern lässt, dass solche Personen unabhängig von der Wirtschaftsform in die entsprechenden Positionen kommen. Ob die bisherigen Verbesserungen in dieser Frage seither ausreichen, ist mit den Erfahrungen nach Minamata mehr als offen.

Thomas Ulitzka studied Asian Studies and Political Sciences at the Ludwig Maximilian University Munich. He wrote his Doctoral Thesis about Japan and the Kyoto-Treaty with the main focus on the Japanese steel industry, production and marketing of Kei Cars and the fight between TEPCO and Tokyo Gas. The thesis is accepted for publication. He also worked as an Assistant to company management, Data Analyst, Key Account Manager, Senior Project Manager and as a Strategic Purchasing Agent in the fields of sports management, medical services and IT.