Japan Zentrum
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Sektion Philosophie und Geistesgeschichte -- Session 3

Marx ohne Arbeit? Zur Sozialdemokratisierung des japanischen Marxismus

Elena Louisa Lange

Thema des Vortrags ist der Nachvollzug und die Kritik einer der auch international einflussreichsten Strömungen in der japanischen Rezeption der Kritik der politischen Ökonomie, der Schule um Uno Kôzô (1897-1977). In seinem Hauptwerk "Prinzipien der politischen Ökonomie" (Keizai Genron 1950-52/ 1964) unternimmt Uno eine komplette Rekonstruktion der methodischen Architektur der drei Bände des Marxschen Kapital. So steht für Uno auf methodischer, aber auch auf systematischer Ebene nicht der Produktionsprozess am Anfang, sondern der Zirkulationsprozess der Waren. Entsprechend wird, in entfernter Anlehnung an den Marxschen Aufbau, die Analyse der Ware, des Geldes und des Kapitals nicht im Kontext des Produktions- und Arbeitsprozesses vorgenommen, sondern als relational-funktionale Bestimmung im "Verhältnis" des Austauschprozesses. Unos Behauptung, dass die bei Marx hier bereits prominent dargestellte Arbeitswertlehre — die These, dass die Wertgrösse einer Ware durch die durchschnittlich gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt sei — "verfrüht" und "unnötigerweise" eingeführt werde, entwickelte sich in der japanischen Marx-Rezeption zu einem wiederkehrenden und unkritisch aufgenommenen und perpetuierten Topos. Der Vortrag will die "Karriere" der Ablehnung der Marxschen Arbeitswertlehre im japanischen Marxismus, so auch bei Karatani Kôjin und Morishima Michio, untersuchen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den (politischen) Konsequenzen dieser Ablehung. Wie in den jüngsten Arbeiten von etwa Karatani, einem Schüler Unos, deutlich zum Vorschein kommt, wird die Akzeptanz kapitalistischer Arbeitsverhältnisse wieder konsensfähig. Allein die Austausch- und Distributionsverhältnisse sollen in sozialdemokratischer Facon politisch zur Debatte stehen. Der Vortrag untersucht und kritisiert diese Haltung im Hinblick auf die kritische Intention der Marxschen Wert- und Mehrwerttheorie.

Marxistische Geschichtsschreibung in der japanischen Chinaforschung (1931-1945)

Yufei Zhou

Im Japan der frühen 1930er Jahre erfuhr der Marxismus, bedingt durch die damals herrschenden sozialen Unruhen sowie einer weit verbreiteten anti-kapitalistischen Geisteshaltung, einen drastischen Aufschwung. Damit in Verbindung steht die zunehmende Anwendung sozioökonomischer Ansätze in Japans Chinaforschung. Die japanischen Marxisten, ausgerüstet mit den Methoden des historischen Materialismus und angeregt u. a. von der Debatte bezüglich der "asiatischen Produktionsweise", welche zwischen 1927 und 1931 in der Sowjetunion geführt worden war, kritisierten nun die traditionelle empirisch-positivistische Herangehensweise der tōyōshi (wörtl.: "Geschichte des Orients") aufgrund ihres angeblichen Desinteresses an den allgemeinen Entwicklungsgesetzen der chinesischen Gesellschaft als "imperialistisch". Sich stark an europäische (insbesondere sowjetische) Vorbilder anlehnend, erklärten sie die gründliche Analyse der sozioökonomischen Grundlage Chinas und dessen Klassenkonstellation zur einzigen wirklichen "wissenschaftlichen" Chinaforschung.
Während der Ausbruch des zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges eine chauvinistische Welle in der Bevölkerung auslöste, erlebte die marxistische Geschichtsschreibung in Japan eine Umdeutung, welche direkt mit der sich rasch veränderten politischen Lage sowie neuen intellektuellen Tendenzen korrespondierte. Es kristallisierten sich zwei Gruppen von Marxisten heraus, welche sich hinsichtlich der lebensgeschichtlichen Laufbahnen ihrer Vertreter sowie ihrer Umdeutungs-Rhetorik unterscheiden: Zum einen die "Konvertiten" (tenkōsha 転向者) wie beispielsweise Hirano Yoshitarō (平野義太郎), Moritani Katsumi (森谷克己), Akizawa Shūji (秋沢修二) und Aikawa Haruki (相川春喜). Diese instrumentalisierten den historischen Materialismus als ein stützendes Argument zur Erklärung des "gesellschaftlichen Stillstands" Chinas. Darüber hinaus versuchten sie Japans Dominanz in der "Neuen Ostasiatischen Ordnung" (Tōa Shinchitsujo東亜新秩序) zu legitimieren. Auf der anderen Seite standen die marxistischen oder zumindest linksorientierten japanischen Intellektuellen wie Suzue Genichi (鈴江言一), Ozaki Hotsumi (尾崎秀実), Tachibana Shiraki (橘樸) und Ōgami Suehiro (大上末弘). Diese weisen ebenfalls leicht verhüllte "pan-asianistische" Anwandlungen auf, doch bemühten sie sich, aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen in China und ihrem Zugehörigkeitsgefühl zu diesem Land, um die Etablierung eines sozialistischen Staates und sahen den Ausweg dieses Landes aus seiner vormodernen und rückständigen Lage in konkreten wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Obwohl sich die beiden Gruppen ideologisch wesentlich voneinander unterscheiden, ist nicht abzustreiten, dass sie mittelbar oder unmittelbar zu dem Diskurs über die "Großasiatische Wohlstandssphäre" beigetragen haben. Dies hatte, als die marxistische Historiographie nach dem Krieg erneut in Japan aktuell geworden war, nicht nur intellektuelle, sondern auch politische Folgen: Die Überwindung der "asiatischen Stagnation" und "Asien-Missachtung" trat nun an die Spitze der Agenda jedweder Darstellungen über China, darüber hinaus trugt sie aber später während der Kulturrevolution wesentlich dazu bei, dass die japanischen Linken eine außerordentlich unkritische Haltung gegenüber der KPCh einnahmen.
Die vorliegende Studie fokussiert sich auf die folgenden drei Aspekte: erstens die Rhetorik der Umdeutung und Interpretation marxistischer Theorien und ihre Stellung in Japans Chinaforschung; zweitens die Rolle ausgewählter historischer Akteure, die in unterschiedlichen nationalen und transnationalen Räumen handelten und durch ihre Übersetzung- und Interpretationstätigkeit die ursprüngliche Theorie umstrukturierten; drittens die institutionellen Bedingungen, unter denen Wissensproduktion und -transmission stattfanden.

Die "Natur" des Kapitals. Japanische Marxisten zur Kritik moderner Naturauffassung

Raji Steineck

Im Zentrum der Marx‘schen Kritik steht die kapitalistische Gesellschaft, bzw. das, was sie hauptsächlich bewegt: Die politisch-ökonomischen Produktionsverhältnisse, um derentwillen sie "kapitalistisch" heißt. Dass das so ist, beruht aber eben darauf, dass Marx den Menschen primär als animal producens versteht, als ein natürliches Lebewesen, dessen Gattungsidentität darauf beruht, dass es die Mittel seines Überlebens, seiner Reproduktion, selbst produziert und sich zu diesem Zweck sozial organisiert. Alles weitere, insbesondere auch des Menschen Namen gebende Rationalität oder das, was die Tradition "Geist" bzw. "Bewusstsein" nennt, begreift Marx als Folge dieser, den Menschen zum Menschen machenden Lebensform – und zwar als Folge, die stets bestimmt bleibt von dem, was sie begründet. Gerade weil der Mensch Teil der Natur ist und bleibt, verbietet sich ihm das idealistisch-utopische Moralisieren in der Kritik gesellschaftlicher Zustände.
Die Frage ist nur, was ist die Natur, die solcher Art die stille Basis des kritischen Arguments bildet? Zumindest der Begriff von ihr muss, in Konsequenz der Marx‘schen Thesen, selbst als Folge der Produktionsverhältnisse angesehen werden. Die Natur, die erkannt ist — etwa in Naturgesetzen, auf deren Unabänderlichkeit Marx auch besteht und sich beruft — kann nicht einfach vorgegeben sein; sie muss selbst Produkt der Produkionsverhältnisse sein, mindestens eben in dem, wie sie erkannt und begriffen, ineins damit auch darin, wie sie behandelt wird.
Die ökonomische Seite des kapitalistischen Naturverhältnisses, die rücksichtslose und zwanghafte Ausbeutung natürlicher Ressourcen, ist von Marx selbst gesehen und angesprochen worden; andererseits scheint er ihre Unterwerfung unter menschliche Zwecke auch als Notwendigkeit zu akzeptieren und darin sogar eine Voraussetzung einer Gesellschaft freier Menschen zu sehen. Diese Ambivalenz ist wohl nicht nur dem Willen geschuldet, die Aussicht auf endgültige gesellschaftliche Emanzipation begründen zu wollen; sie liegt auch darin, dass die Begriffe der Natur wie der Wissenschaft, die deren Gesetze erfasst, selbst weit weniger Gegenstand der Kritik sind als jene des Bewusstseins oder eben der politischen Ökonomie.
Auch in der auf Marx sich berufenden Tradition der Kritik stand der Begriff der Natur selten im Zentrum; praktisch stärker, und das nicht nur im Sowjetmarxismus, war auf jeden Fall der technokratische Traum der vollständigen rationalen Kontrolle über die Natur. Eine bemerkenswerte Ausnahme auf westlicher Seite blieb Alfred Sohn-Rethel mit seinem Versuch, die Grundkategorien der Wissenschaft (und damit der "Natur" als Erkenntnisobjekt) aus der Realabstraktion des Warentausches abzuleiten. Das Referat erkundet, was japanische Autoren, allen voran der Philosoph und Marxologe Hiromatsu Wataru, zum Thema beizutragen haben. Es will damit zunächst einmal sich eines Diskussionsstandes versichern, auf dem dann die Kritik der Gesellschaft unter Einschluss einer Kritik ihres Verhältnisses zur Natur weitergeführt werden kann.