Japan Zentrum
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Sektion Religion

Sektionsleitung: Michael Wachutka (Tübingen/Kyoto)
Kontakt: michael.wachutka@uni-tuebingen.de

Raum: AU 115
Zeit: Timeslot 5-8 (Donnerstag 14:00-15:30, 16:00-17:30 und Freitag 09:00-10:30, 11:00-12:30)

Heilige Orte und sakraler Raum in den Religionen Japans

Seit gut zwei Jahrzehnten sind fast alle Disziplinen in den Kultur- und Sozialwissenschaften damit beschäftigt, ihre Diskurse zu "verräumlichen", was gemeinhin als spatial turn oder "topologische Wende" bezeichnet wird. Richtet man das analytische Auge unter diesem Aspekt auf das Funktionssystem "Religion", so sieht man laut Döring/Thielemann (2009: 161) darin einige der interessantesten Ansätze im Umgang mit Räumlichkeit verkörpert.
Ob ein markanter Baum oder Felsen, die Plazierung von Göttern auf Berggipfel oder in ein vielleicht sogar kartographierbares "Himmelsgefilde", eine geomantisch ausgerichtete Friedhofsanlage, die Unterwelt vorgestellt als Fluß, über den man setzt, eine prunkvolle Kathedrale oder Moschee, eine ganze heilige Stadt oder ein kleiner Schrein am einsamen Feldrand; als sakral angesehene Orte und Räume sind weltweit fest in der Struktur der verschiedenen Religionen verankert. In der Immanenz, der weltlichen Präsenz der Religion, fungieren die Topographie heiliger Orte, die Pilgerfahrt oder die bewußte Konstruktion von Sakralbauten als Formen einer räumlichen Erfahrbarkeit des Numinosen.
Da heilige Bereiche für sakrale, rituelle oder kultische Handlungen und Erfahrungen genutzt werden, stellen sie konzeptionell einen bewußten Bruch mit der profanen Umwelt dar. Sie sind entweder physisch, visuell oder implizit vom alltäglichen Lebens-Raum getrennt und ein Gläubiger, der sich in oder an einen solchen, spirituell aufgeladenen Ort begibt, macht in Form von bestimmten Kleidungs- oder Handlungsvorschriften und eigenen Erwartungshaltungen einen äußerlichen wie innerlichen Wandel aus der Alltagswelt durch. Heilige Orte sind dabei stets auch emotional besetzt und haben neben spiritueller auch soziale, identitätsstiftende und öffentliche Bedeutung. Zudem sind sie oft von hohem (landschafts-) architektonischem wie (kunst-) historischem Wert.
Das religionsphänomenologisch anscheinend universelle Konzept des sakralen Raumes wirft jedoch unter anderem folgende Fragen auf: Wer oder was macht eine Landschaft, einen Ort oder einen bestimmten, abgegrenzten Bereich "heilig"? Durch welche Aspekte, Handlungen und Verfahren geschieht dies? Für welche Dauer und unter welchen Bedingungen? Welche Wechselwirkungen bestehen dabei zwischen dem Kultur- und dem Naturraum? Wie werden heilige Bereiche, spirituelle Orte und sakrale Bauten visuell oder literarisch beschrieben und erfahrbar gemacht? Und wie äußern sich all diese Aspekte im konkreten Fallbeispiel der Religionen Japans in Geschichte und Gegenwart?
Ein sakraler Raum ist zudem nicht nur als physikalisch-substantieller Anwesenheitsort zu verstehen, an dem religiöse Kultbauten oder numinose Wesen anzutreffen sind. Er ist ebenso das Ergebnis sozialer Beziehungen und unterliegt damit dem Interesse und Handeln einzelner Menschen oder Gruppen. Neben Fragen nach dem Wo, Warum und Wie spielt daher auch die Frage nach dem Wer  also nach den jeweils beteiligten Akteuren  eine große Rolle.
Das allgemeine Oberthema der Sektion ist bewußt recht breit gewählt, um so möglichst vielen Forschungszweigen und Analyseansätzen zu den japanischen Religionen "Raum" zu bieten. Zusätzlich steht jedoch auch ein weiterer Zeitblock zur Verfügung, in dem ohne inhaltliche Bindung über sonstige laufende Projekte, Abschlußarbeiten und Ergebnisse aus der eigenen Forschung vorgetragen werden kann.

Session 1

  • Michael Wachutka: Begrüßung und Einführung
  • David Weiß: Verortung eines Eingangs in die japanische Unterwelt (Ne no Kuni). Der Berg Kumanari
  • Robert Wittkamp: Der "Erinnerungsraum Yoshino" und seine Instrumentalisierung bei Jitō Tennō

Session 2

  • Heidi Buck-Albulet: Imagination des realen Raums. Sakrale Geographie des Kōyasan in mittelalterlichen buddhistischen Manuskripten
  • Sebastian Balmes: Drachensee und Schlangenhügel. Zur Konzeption und Symbolik von Räumen im Shintōshū
  • Steffen Döll: Architektur und Autorität in mittelalterlichen Zen-Klöstern

Session 3

  • Beate Löffler: Importierte Heiligkeit. Christliche Raumkonzepte in Japan
  • Anne Lange: Die (Er)Schaffung "heiliger Räume" durch neue Religionen. Das Beispiel der Meidōkai im Tōkyō der Zwischenkriegszeit
  • Christian Göhlert: Zwischen Heilung und kegare. Die Toilette als sakraler Raum in den Ritualen von Schwangerschaft und Geburt

Session 4

  • Birgit Staemmler: Glokalisierte religiöse Heilmethoden im Internet
  • Elisabeth Scherer: Räume japanischer Religiosität in Düsseldorf
  • Abschlussdiskussion