Japan Zentrum
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Dissertationsprojekt Schley (Exposee)

Die Sakralität von Herrschaft in der Vorstellungswelt des japanischen Mittelalters mit einem Schwerpunkt auf historiographischen Werken

(Betreuung: Prof. Dr. Klaus Vollmer)

Jede Herrschaft, so könnte man verallgemeinernd sicher behaupten, bedarf neben ihren ökonomischen und sozialen Grundlagen auch einer ideellen Rechtfertigung. Damit ist jedoch ein breites Spektrum von Vorstellungen angesprochen, die zur Legitimierung und Durchsetzung von Macht dienen können. Im Sakralkönigtum, oder allgemein der Sakralität von Herrschaft, ist ein besonderer Aspekt hervorgehoben, wie er sich aus dem Verhältnis von Politik und Religion in vielen Kulturen zu verschiedenen Zeiten ergeben hat. Mit dem Begriff der Herrschersakralität soll hier jede Variante gemeint sein, in der der Herrscher einer Gruppe, eines Reiches oder Staates in einer besonderen Nähe zu göttlichen oder übernatürlichen Wesen und Mächten gesetzt ist und in Bezug auf diese Wesen und Mächte seine Herrschaft durchführt und erhält. Die Vielzahl möglicher Variationen reicht von Herrschern, die von göttlichen Mächten durch verschiedene Mechanismen (Wahl, Orakel, Vorzeichen) eingesetzte werden, über solche, die eine Mittlerfunktion zwischen der Menschen- und der Götterwelt übernehmen, Herrscher, die zugleich Priester ihrer Gemeinde sein können, bis hin zu Herrschern, die als leibhaftige Manifestation eines Gottes verehrt werden. Zur Untersuchung eines konkreten Beispiels müssen vorher aber die kultur- und zeitspezifischen Inhalte der genannten Begriffe (Herrschaft, Sakralität) erklärt werden.

Die Forschungsgeschichte zum Sakralkönigtum hat bereits eine lange Tradition. Von der Ethnographie im ausgehenden 19. Jahrhundert (James George Frazer, 1890, 3. Ausgabe in zwölf Bänden, 1905-15) übernahmen allmählich auch andere Disziplinen, wie die Religions- und die Geschichtswissenschaft (Fritz Kern, 1914; Marc Bloch, 1924), die von Frazer zuerst formulierten Vorschläge zum Sakralkönigtum. In der Forschung wird die Auseinandersetzung mit Frazers Ideen, etwa dem Regizid, bis heute sehr kritisch geführt. Immer noch stehen sich Gegner jeglicher Mystifizierungsversuche des Königtums (Jens Ivo Engels, 1999) den Verfechtern einer Theorie sakraler Herrschaft im Sinne Frazers gegenüber (Märta Salokoski, 2006). Über das engere Forschungsgebiet hinaus dürfte die Arbeit von Ernst Kantorowicz über die „Zwei Körper des Königs“ (1957) bekannt sein. Einer der Ausgangspunkte für die gegenwärtige Beschäftigung mit dem Thema in der Geschichtswissenschaft liegt in der Überarbeitung des „Reallexikon(s) der germanischen Altertumskunde“ (RGA) und seinem neuen, über zweihundert Seiten langen Artikel zum „Sakralkönigtum“ (Bd. 26, 2004). Unter den Mitverfassern des umfangreichen (und nicht immer einheitlichen) Artikels ist es vor allem der Mediävist Franz-Reiner Erkens, der mit seinen Vorschlägen zu einer kultur- und epochenübergreifenden Anwendung anregt (ebd., S. 219). Erkens stellt im RGA-Artikel sowie in anderen Beiträgen drei Bedingungen auf, die seiner Meinung nach zusammengenommen hinreichend und notwendig sind, um in einer bestimmten Kultur und Epoche von Herrschersakralität sprechen zu können. Erkens möchte mit seiner Theorie also ein Hilfsmittel zur Verfügung stellen, um dem Phänomen in einem globalen Sinne gerecht werden zu können. Er weist dabei auch bewusst auf die Verhältnisse in China und Japan hin, die im herkömmlichen Sinne als Beispiele für sakrale Herrschaftsformen allgemein bekannt sein dürften. In wie fern aber in diesen Fällen wirklich davon die Rede sein kann, ist noch offen und bedarf der gründlichen Erforschung.

Das Thema der Herrschersakralität an sich ist nun keineswegs neu in der japanischen und japanologischen Forschung. Ein unzweifelhafter Grund dafür dürfte in der bis in die Gegenwart fortdauernden Existenz eines Herrschers mit religiösem Hintergrund in Gestalt des Tennō liegen. Das Interesse an Amt und Person des Tennō ist nicht immer frei von nationalistischen Tönen, wie die unterschiedlichen Beiträge zum Thema zeigen. Sie sammeln sich meist unter dem schillernden Begriff tennōsei (etwa Tennō-System, Tennōismus), der zuerst von marxistischer Seite als Herrschaftskritik in den 1920ern aufkam, später von konservativen und reaktionären Autoren in Beschlag genommen wurde. Daneben gibt es aber immer noch eine wissenschaftliche Verwendung von tennōsei, was eine klare Trennung erschwert, bzw. die diskursive Vielfalt zeigt. Doch selbst in seriöser Forschung können manchmal solche aus dem Genre der Japanerdiskurse (nihonjinron) bekannten Motive unterschwellig wirksam sein, weshalb einmal mehr besondere Vorsicht und kritische Lektüre angebracht sind.

Frühe Versuche einer globalen Anwendung des Sakralkönigtums gab es bereits von Arthur Maurice Hocart in „Kingship“ (1927), der sich jedoch nicht mit Japan beschäftigte. Erst Robert Ellwood ging dann in seiner Studie „The Feast of Kingship“ (1970) näher auf Japan ein. Einen Querschnitt durch alle Epochen der japanischen Herrschaftsgeschichte gibt Ben-Ami Shillony in seinem Buch „Enigma of the Emperors“ (2005). In Japan ist diesem kulturübergreifenden Ansatz mit der mehrbändigen Reihe von Amino Yoshihiko u.a. (Hrsg.), Tennō to ōken wo kangaeru, 10 Bd. (2002), entsprochen worden. Die Forschung hat bislang aber zumeist das Altertum (Joan Piggott 1997, Herman Ooms 2009) oder die Neuzeit von der späten Edo- und Meiji-Zeit bis zur Gegenwart (z. B. Klaus Antoni 1991, 1998) ausführlicher behandelt und die Jahrhunderte des sogenannten Mittelalters (chūsei) in Japan nur am Rande unter dem Gesichtspunkt der Herrschersakralität aufgegriffen. Neben älteren Studien von z. B. Nelly Naumann (1988) sind inzwischen auch grundlegende Arbeiten von Satō Hiroo (1998), Itō Kiyoshi (1993, 1995) und Matsumoto Ikuyo (2005) erschienen. Von solchen Beispielen abgesehen sind die vereinzelten Bemerkungen zu den ideellen Grundlagen der Tenn¬ō-Herrschaft im Mittelalter und die dabei verwendeten Begriffe alles andere als einheitlich. Am häufigsten ist etwa die Bezeichnung des Tennō als Priesterkönig (saishi ō) im Gebrauch oder es wird auf ein besonderes Charisma des Herrschers und seiner Dynastie verwiesen (z. B. Murakami Shigeyoshi, 1986). Eine umfassende Studie mithilfe eines einheitlichen theoretischen Zugangs zu den mittelalterlichen Vorstellungen von sakraler Herrschaft fehlt bislang.

In meiner Dissertation versuche ich daher nun anhand verschiedener schriftlicher Quellen aus dem japanischen Frühmittelalter (11.-14. Jh.) die damals vorherrschenden Vorstellungen der politisch-religiösen Stellung des Herrschers herauszuarbeiten. Einen ersten Zugang dafür bietet der theoretische Entwurf von Erkens, der im Laufe der Arbeit aber wahrscheinlich zu modifizieren sein wird. Schwierigkeiten ergeben sich nicht nur aus den teilweise dramatischen Veränderungen in der politischen Welt zu dieser Zeit, sondern gerade auch aus der Vielfalt der religiösen Traditionen und Bewegungen.

 Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf historiographische Quellen gelegt, die sich meist durch eine bestimmte Nähe zur Herrscherfamilie auszeichnen (Jien, Gukanshō, um 1220; Kitabatake Chikafusa, Jinnō shōtōki, 1339-43). Durch die Berücksichtigung der reichhaltigen Forschung zu Motiven und Hintergründen der Autoren ist es gut möglich, deren Vorstellungen von Herrschaft und von der Tennō-Familie im Besonderen aufzudecken. Ergänzt werden sollen die Befunde Schritt für Schritt durch eine vergleichende Lektüre anderer Quellengattungen, wie etwa der Tagebuchliteratur (z. B. Kujō Kanezane, Gyokuyō, Zeitraum 1164-1203) oder den vom Hof und der Kriegerregierung in Kamakura erstellten Dokumenten (z. B. Takeuchi Rizō, Heian ibun und Ders., Kamakura ibun). Der enorme Umfang der erhaltenen Quellen macht eine Begrenzung unumgänglich, weshalb nur einzelne Werke aus den genannten Quellengruppen als exemplarisches Material ausgewählt werden. Bei den erzählenden Quellen wie der monogatari Literatur, z. B. Ōkagami, und besonders den Geschichtsdarstellungen ist allerdings eine gründliche und umfassende Analyse der gesamten Einzelquelle die Voraussetzung für ein gesichertes Verständnis ihrer Aussageabsicht und den zugrundeliegenden Vorstellungen der jeweiligen Autoren.

Stand: 04/2010